Gesetzestext
Fedlex ↗

1Ein Bundesgesetz, dessen Inkrafttreten keinen Aufschub duldet, kann von der Mehrheit der Mitglieder jedes Rates dringlich erklärt und sofort in Kraft gesetzt werden. Es ist zu befristen.

2Wird zu einem dringlich erklärten Bundesgesetz die Volksabstimmung verlangt, so tritt dieses ein Jahr nach Annahme durch die Bundesversammlung ausser Kraft, wenn es nicht innerhalb dieser Frist vom Volk angenommen wird.

3Ein dringlich erklärtes Bundesgesetz, das keine Verfassungsgrundlage hat, tritt ein Jahr nach Annahme durch die Bundesversammlung ausser Kraft, wenn es nicht innerhalb dieser Frist von Volk und Ständen angenommen wird. Es ist zu befristen.

4Ein dringlich erklärtes Bundesgesetz, das in der Abstimmung nicht angenommen wird, kann nicht erneuert werden.

Art. 165 BV — Dringliche Bundesgesetze

Übersicht

Art. 165 BV regelt die Ausnahme vom normalen Gesetzgebungsverfahren in dringenden Situationen. Wenn ein Bundesgesetz sofort in Kraft treten muss, kann das Parlament es für dringlich erklären. Dadurch entfällt die übliche 100-tägige Wartezeit für ein mögliches Referendum (Volksabstimmung).

Wer ist betroffen? Das Parlament (beide Räte müssen zustimmen), das Volk (verliert vorübergehend sein Mitspracherecht) und alle, die von dem neuen Gesetz betroffen sind (es gilt sofort).

Voraussetzungen: Das Gesetz muss wirklich dringend sein – es darf «keinen Aufschub dulden». Beide Parlamentskammern müssen mit der Mehrheit aller Mitglieder zustimmen (nicht nur der Anwesenden). Das Gesetz muss zeitlich befristet werden.

Nachträgliche Kontrolle: Das Volk kann trotzdem abstimmen. Bei normalen Gesetzen reicht eine Volksabstimmung. Wenn das Gesetz gegen die Verfassung verstösst, müssen Volk und Stände (Kantone) zustimmen. Wird das Gesetz abgelehnt, tritt es nach einem Jahr ausser Kraft und kann nicht mehr erneuert werden.

Beispiel aus der Praxis: Während der Corona-Pandemie 2020 erliess das Parlament dringliche Gesetze für Wirtschaftshilfen und Gesundheitsmassnahmen. Diese konnten sofort wirken, wurden aber später vom Volk bestätigt. Ein anderes Beispiel sind Terrorbekämpfungsgesetze nach internationalen Krisen.

Die Vorschrift schützt die Demokratie vor Missbrauch: Wirklich dringende Massnahmen sind möglich, aber das Volk behält das letzte Wort.